Gauß-Gymnasium Worms
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Weimar 2017

Auf Schillers und Goethes Spuren: Gauß-Geist meets Weimar

Am Donnerstag, den 22.6.2017, machten sich der Deutsch LK 12 sowie interessierte Schülerinnen und Schüler der Philosophiekurse 11 und 12 morgens um 7 Uhr auf den Weg nach Thüringen in die Kulturstadt Weimar. 
Angesichts des Jubiläums zur Reformation erfolgte nach ca. 4 Stunden Fahrt ein erster Höhepunkt mit einem Zwischenstopp auf der Wartburg in Eisenach. Dort hatte der Reformator Martin Luther ab dem  Jahr 1521 inkognito unter dem Namen Junker Jörg gelebt und das Neue Testament in nur 11 Wochen aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzt. Im Lutherjahr 2017 findet auf der Wartburg eine Nationale Sonderausstellung „Luther und die Deutschen“ statt, die den kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen der Veröffentlichung seiner 95 Thesen gewidmet ist. Nach einer kurzen Wanderung bergauf zur Burg konnten die Schülerinnen und Schüler das ambitionierte Ausstellungsprojekt mittels Audioguides selbst erkunden und sich über die wechselvolle Beziehung zwischen dem Reformator Martin Luther und „seinen“ Deutschen vom Thesenanschlag 1517 bis ins 20. Jahrhundert informieren. 

Im Anschluss an den Aufenthalt ging es weiter nach Weimar, um zügig die Zimmer im Hostel zu beziehen. Denn schließlich stand bereits der nächste Programmpunkt am späten Nachmittag an, die Besichtigung des Goethe Nationalmuseums. Dort wurden die Jugendlichen in zwei Gruppen eingeteilt, um sich abwechselnd durch die Ausstellung führen zu lassen bzw. Goethes Wohnhaus zu besichtigen. Von letzterem zeigte sich die Gruppe besonders beeindruckt. In dem Haus am Frauenplan lebte der Dichter 50 Jahre bis zu seinem Tod 1832, lediglich unterbrochen von seinen Reisen und einem längeren Italienaufenthalt. Es spiegelt das klassizistische Kunstideal Goethes wider und gewährt den Besuchern Einblick in das repräsentative Wohn-, das Gesellschafts- und Sammlungszimmer sowie das authentisch eingerichtete Arbeitszimmer mit angrenzender Privatbibliothek und in den Garten. Neben Goethes Kunst- und Naturaliensammlung, darunter u.a. Handzeichnungen, Gemälde, Plastiken, Bronzen und Münzen,  konnten die Schülerinnen und Schüler in den 18 zugänglichen Räumen originale Möbel, Ausstattungsstücke des Haushalts und persönliche Erinnerungsgegenstände bewundern. Dabei entspricht die Einrichtung weitgehend dem Zustand in den letzten Lebensjahren Goethes. 
Gegen 18 Uhr endete das kulturell abwechslungsreiche Programm des ersten Tages und die Jugendlichen hatten Gelegenheit, Weimar selbstständig in Kleingruppen zu entdecken. 

Da der vorherige Abend sicher nicht ausreichte, um alle interessanten Ecken der Kulturstadt zu erkunden, erfolgte am nächsten Morgen eine 2-stündige Stadtführung. Diese startete am Marktplatz mit Blick auf das Rathaus, führte u.a. vorbei am Lucas-Cranach-Haus, am Hotel Elephant, wo die Rolle Weimars während des Nationalsozialismus thematisiert wurde und nahm Bezug auf die Verbindung der Philosophen Herder, Wieland sowie des Musikers Liszt zu Weimar. Im Anschluss bot sich interessierten Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit, an einer Führung durch die Herzogin Anna Amalia Bibliothek teilzunehmen inklusive der Besichtigung des berühmten Rokokosaals, der nach einem folgenreichen Brand im Jahr 2004 aufwendig restauriert wurde. 
Den letzten offiziellen Programmpunkt bildete am zweiten Tag der Zielfahrt der Besuch des Friedrich Schiller Museums. Hier konnten die Schülerinnen und Schüler in Schillers Wohnhaus einen Eindruck vom Alltagsleben des Autors zahlreicher Dramen wie „Wilhelm Tell“ oder „Die Räuber“ erhalten und stellten interessiert Nachfragen an die von der Gruppe begeisterte Ausstellungsmitarbeiterin. Am Abend rundete ein Besuch des Nationaltheaters den ereignisreichen Tag ab. Sichtlich und hörbar fasziniert zeigten sich die Jugendlichen im Anschluss an die Aufführung von „Maria Stuart“. Das Stück, welches 1800 in Weimar uraufgeführt wurde, handelt im Spannungsfeld von Religion, Politik und Erotik: Als Schutzsuchende auf der Flucht vor dem protestantischen Adel kommt die katholische Maria Stuart, Königin von Schottland zu ihrer Cousine Elisabeth I., der Königin von England. Doch nun liegt ein Todesurteil des Gerichts vor, das sich auf der Schuld Marias gründet, einen gewaltsamen Umsturz zu planen und ihrer Cousine den Thron streitig zu machen. Dennoch spricht Maria ihre Ansprüche auf den englischen Thron aus und nutzt die Waffen einer Frau, um Elisabeth unter Zugzwang zu setzen. Schließlich bringt der Konflikt zwischen den beiden Frauen nicht nur das europäische Kräftegleichgewicht durcheinander, sondern gipfelt in einem zwielichtigen Prozess, an dessen Ende das Urteil über Maria Stuart vollstreckt wird. 
Die Neuinszenierung dieses Polit-Thrillers übernahm Matthias Bothe, der Schillers Skepsis über die Möglichkeit zu moralischem Handeln beispielsweise mittels Publikumseinbindung sowie einer Pressekonferenz in die heutige Realität transportierte. 
Im Anschluss an die Theateraufführung  lockte das Sommernachtsfest „Blaue Stunde“ sowohl Schüler als auch Lehrer in die vollkommen in blauen Farben dekorierte Windischenstraße, um den letzten Abend gemeinsam ausklingen zu lassen. 

Am dritten und letzten Tag der Zielfahrt stand für die Schülerinnen und Schüler des Gauß-Gymnasiums vor der Heimreise ein Programmpunkt auf dem Plan, der bedrückend und gleichermaßen interessant war: Die Besichtigung der Gedenkstätte Buchenwald. Das Konzentrationslager ließ die SS 1937 auf dem Ettersberg errichten, nur wenige Kilometer von der Klassikerstadt Weimar entfernt. Nachdem die Gruppe mittels einer Filmvorführung sowie Zeitzeugenberichten einen Einblick in die alltäglichen Leiden im Konzentrationslager erhalten hatte, folgte ein Rundgang, dem die Schülerinnen und Schüler mit großer Aufmerksamkeit folgten, zahlreiche Fragen stellten und sich angesichts des grausamen, menschenverachtenden Verhaltens gegenüber den Inhaftierten sehr nachdenklich zeigten. Aufgrund der gedrückten Stimmung waren sich die Jugendlichen darüber einig, dass es sinnvoll war, den Besuch der Gedenkstätte für den letzten Tag der Fahrt einzuplanen, um nach den abwechslungsreichen und freudigen Tagen in Weimar hier die Nähe von Kultur und Barbarei zu spüren und zu reflektieren. 
Wie eine kleine Umfrage nach den Sommerferien in meinen Kursen zeigte, blicken sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch Lehrerinnen und Lehrer auf eine Fahrt mit vielfältigen kulturellen, historischen und politischen Eindrücken innerhalb eines abwechslungsreichen Programms zurück, das die Balance zwischen Bildung und Unterhaltung zu gewährleisten wusste. 
Auch ich als Organisatorin der Zielfahrt denke knapp zwei Monate später noch immer mit Freude an die drei Tage in Weimar und bin von dem vorbildlichen, interessierten Verhalten unserer motivierten und wissbegierigen Schülerinnen und Schüler nachhaltig begeistert. Sie haben das Motto der Fahrt „Gauß-Geist meets Weimar“ in die Tat umgesetzt, indem sie auf eindrucksvolle Art und Weise gezeigt haben, welche Werte und Ziele unsere Schule verfolgt - den Gauß-Geist eben. 

Sandra Hiltenbrand